Zum Tod von Sigune von Osten

Zum Tod von Sigune von Osten
„Ich war immer neugierig“

Mit Sigune von Osten verliert die Kulturwelt eine der bedeutendsten Interpretinnen der Neuen Musik. Neben Konzerttourneen auf der ganzen Welt hatte sich von Osten seit den 90er Jahren als Festspielleiterin und Musikkünstlerin einen Namen gemacht – und fast 25 Jahre lang ihr eigenes Festival „PARKMUSIK“ auf dem Trombacher Hof bei Bad Kreuznach geleitet. Sie starb dort am 8. Juli 2021.

Sigune von Osten begriff sich immer als Künstlerin, die sich mit der Jetzt-Musik, mit den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit auseinandersetzen wollte. Daher suchte sie schon sehr früh Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten und arbeitete mit ihnen zusammen, wurde gar als deren Muse betitelt. So entstanden über 100 Uraufführungen, davon viele Werke,  die ihr auf den Leib, auf die Stimme geschrieben wurden und mit denen sie bei Konzertreisen, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen sowie als Solistin bei großen Festivals auf der ganzen Welt auftrat. Im engen künstlerischen Austausch und freundschaftlich verbunden war sie neben vielen anderen besonders mit Giacinto Scelsi,  Marek Kopelent, Luigi Nono und Olivier Messiaen, der sie einmal als seine Lieblingssängerin bezeichnete und dessen Werk sie vielfach aufführte und auf Tonträgern veröffentlichte. Besonders die Zusammenarbeit mit John Cage und die Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten hat Sigune von Osten künstlerisch maßgeblich geprägt. Das Gesangs-Solostück „Aria“ wurde für sie zum Schlüsselerlebnis und war zugleich Ausgangspunkt ihrer internationalen Karriere. Cages grafische Partitur fordert die Interpretin zur eigenen Gestaltung auf, macht sie zur Komponistin und geht weit über das hinaus, was üblicherweise von einer klassischen Sängerin, zu der sie ursprünglich ausgebildet wurde, gefordert wird. Das machte sie zur „MusikKünstlerin“, die in universaler Rolle als Sängerin, Choreographin, Komponistin, Produzentin große Musikkunstprojekte realisierte: Mit John Cages MusiCircus  brachte sie in Ludwigshafen und Heidelberg in riesigen musiktheatralischen Happenings Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen zusammen.

Angetrieben von einem tiefen Humanismus, dem Willen, Menschen nachdenklich zu machen über das friedliche Miteinander jenseits aller kulturellen, ideologischen Unterschiede hinaus, initiierte Sigune von Osten in der Rolle als Sängerin, Projektinitiatorin, Komponistin in kongenialer Zusammenarbeit mit Literaturnobelpreisträger Günter Grass und dem Jazzmusiker Günter Baby Sommer „Novemberland“: Grundlage waren 13 Sonette von Günter Grass, geschrieben unter dem Eindruck des Anschlags von Mölln 1992, als eine Mahnung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die musikalische Auseinandersetzung damit machte ihre Arbeit zutiefst politisch, ohne je explizit politisch sein zu wollen.

Die Idee, Musik an ungewöhnlichen und besonderen Orten Menschen nahe zu bringen und aus dem Bedürfnis heraus, nach ihren Vorstellungen ein eigenes Festival zu realisieren, ließ sie sich Mitte der 90er Jahre mit ihrer Familie weitab von den Metropolen auf dem Trombacher Hof, einem ehemaligen Klosterhofgut bei Bad Kreuznach in Rheinland Pfalz, nieder. Die dazu gehörende, über 600 Jahre alte ehemalige Kapelle, deren rohes, unbearbeitetes Fundament zum „Bühnenfels“ wurde, und die Stille der umgebenden Natur schienen ihr ideal, um einem Publikum unvoreingenommen die Ohren zu öffnen für ungewohnte Klänge. So kreierte sie ihre Parkmusik, die sie über Jahrzehnte mit großem persönlichem Einsatz und mit Unterstützung ihrer Familie und Freunden durchführte. In diesem Jahr hätte sie zum 25. Mal stattfinden sollen.

„Ich möchte nicht schocken, sondern locken“, sagte sie einmal, „möchte Menschen zu Neuer Musik verführen“. Es war ihr ein Anliegen, sich umfassend um ihr Publikum zu kümmern, es vom Parkplatz bis zu den Spielorten in und um den Trombacher Hof zu geleiten. Schon der Weg durch die Wiesen oder den Wald war bestückt mit bildender Kunst, mit Performances von Tänzern und Musikern, die wie aus dem Nichts auftauchten. Selbst die Pausen wurden mit einem großen gemeinsamen Picknick begangen –  alle Aktionen waren immer untrennbar mit der umgebenden Natur verbunden und zugleich partizipativ gedacht: Die leidenschaftliche Sammlerin insbesondere ethnologischer Musik-Instrumente sperrte diese nicht museal hinter Vitrinen ein, sondern setzte sie vielfach ein zu Musikaktionen mit dem Publikum oder bei ihren eigenen Musikperformances.

Gerne hat Sigune von Osten ihre Liebe zu diesem besonderen Ort in immer neuen Variationen mit ihrem Publikum, mit den Künstlern und ihren Freunden geteilt. Man empfand sie mehr als großzügige und herzliche Gastgeberin denn als Festivalleiterin. Dabei war es ihr wichtig, nicht ausschließlich Neue Musik zu präsentieren, sondern den Hör-Horizont (bei ihr begrifflich verschmolzen zu „neue Ho(e)rizonte“) um die Erfahrung mit traditioneller Musik aus aller Welt zu erweitern. Allerdings behutsam im Umgang damit, es sollte keine „Weltmusik“ sein, einen Begriff, den sie nicht mochte, sondern ein Miteinander auf Augenhöhe, das die Erhaltung der jeweils eigenen Musiktraditionen ermöglichte, aber zugleich alle Musikerinnen und Musiker in gemeinsamen musikalischen Projekten, der Improvisation, dem gemeinsamen Gestaltungsprozess zu einer weltumspannenden Neuen Musik führte.

Sich mit diesen Ideen in der ländlichen Provinz zu etablieren, war nicht einfach und erforderte einen langen Atem – aber dank ihres Schöpfungswillens und ihrer mitreißenden Begeisterung gelang das Experiment:  Der Kultursommer Rheinland-Pfalz ermöglichte neben anderen Unterstützern Planungssicherheit und das Land Rheinland-Pfalz bezeugte 2011 seine Anerkennung für Ihre Verdienste um die Kultur mit der Verleihung des Landesverdienstordens.

Sigune von Osten ist am 8. Juli 2021 auf dem Trombacher Hof gestorben – ein großer Verlust für die Kulturwelt, die sie mit ihrer Offenheit, ihrer Neugier und einer scheinbar unerschöpflichen Tatkraft gleichermaßen gefördert, aber auch herausgefordert hat und in der sie mit ihrer inspirierenden Arbeit wertvolle Spuren hinterlässt.

Silke Egeler-Wittmann